Auch diese Arbeiten setzte er nicht weiter fort; die Ergebnisse schienen ihm nicht attraktiv genug und nicht zu sagen, sie kamen etwas belanglos daher.
Je mehr Bewegung, um so mehr Farbe
Es folgte ein Ausflug ins Lichtexperiment: Als versierter Bastler entwickelte er eine Beleuchtungstechnik, die Bewegungen von weißen Objekten farbig erscheinen lassen, während die unbeweglich gebliebenen Teile ihre weiße Farbe behielten. Motto: Je bewegter, um so farbiger und das bei einer so statischen Angelegenheit wie der Fotografie. Auch hier kam Christ nicht weiter und beließ es bei den wenigen, wenn auch erfolgreichen Experimenten.
Die lange Vorgeschichte führt uns schließlich zu den Holzschnitten. Immer noch steht die Frage im Raum: Warum nehmen wir die Oberfläche eines Papiers mit verteilten Farbpigmenten als Modell der erlebten Wirklichkeit wahr, anstatt die Realität im rein stofflichen zu finden? Warum kümmert sich keine Katze um die Maus, die ihr auf einem Foto gezeigt wird? Und schließlich: Warum bezeichnen wir ein nachträglich manipuliertes Foto als Fälschung, wo doch das Foto selbst eine Fälschung darstellt.
Wir denken uns das Foto schön...schön realistisch
Diese eigentliche Fälschung liegt in der Reduktion der Wirklichkeit, im Weglassen. Ein Bild ist zweidimensional, es riecht nicht, es hat weder Vergangenheit noch Zukunft, kein Wind weht, keine Kälte läßt uns frieren und wenn wir es anfassen treffen unsere Finger auf Hochglanzoberfläche. Dennoch lebt es in uns auf als Realität, wir sind mittendrin im Gemetzel, in der Liebesnacht, auf dem Fernsehturm. So wie wir einen unvollständigen Kreis als Kreis behandeln, in einem -Lauflicht Bewegung sehen indem wir jeweils ergänzen, was uns fehlt, so denken wir uns auch das Foto schön...schön wirklich. In dem Zusammenhang ist es relativ belanglos, ob dieses Foto nachträglich retuschiert oder sonst wie manipuliert ist: gemessen an der eigentlichen Manipulation fallen so etwas wie nachträglich zugefügte Wolken nicht ins Gewicht.
Protest gegen die Glitterwelt der Bilder
Man kann schon von einer gewissen Protesthaltung gegen die Glitterwelt der modernen Fotografie- immer perfekter, immer -realistischer immer schöner sprechen, die in Jürgen Christ den teuflischen Plan reifen ließ, seine Bilder vorsätzlich und offen zu manipulieren, und sich dennoch die Echtheit der Fotos attestieren zu lassen. Obwohl die Fälschungen jetzt überdeutlich sind, werden die Abbildungen für bare Münze genommen. Perfekter kann man die heile Bilderwelt nicht vorführen. Christ hatte natürlich auch etwas an Eigentherapie gedacht, denn schließlich ist er selbst auch dem Wahn der Bilder verfallen.
Manipulieren heißt Hand anlegen. Mit ein wenig Veränderung war es ihm nicht getan, da mußte schon aufs Ganze gegangen werden. Nichts mehr sollte bleiben wie es ist, jedes einzelne Bildelement sollte einen neuen Stellenwert erhalten, die totale Manipulation schwebte ihm vor. Das Foto nur noch als Material für Neues.
Es ist daher kein Zufall, dass Jürgen Christ in diesem Stadium auf den Holzschnitt traf.
Die äußeren Umstände sind schnell erzählt. Der Fotograf ist seit Jahrzehnten mit den Kätelhöns befreundet, einer Kunstdruckerfamilie aus dem sauerländischen Möhnesee. Martin der Sohn bedient seit über 2o Jahren bildende Künstler in seiner Kölner Werkstatt. Der zündende Funke sprang über, als Martin Kätelhön eine große Holzschnittarbeit von Markus Lüpertz druckte, scharf beobachtet von Christs Reportagekamera. Holzschnitt war die Lösung, dachte der Lichtbildner, Holzschnitt vom Foto. Perfekter und zugleich offener kann man ein Foto nicht manipulieren. Und vielleicht sieht es hinterher immer noch wie das ursprüngliche Werk aus.
Der erste Versuch drohte auch der letzte zu werden
Das erste Bild, an dem er sich versuchte, war eine Aufnahme von Menschen auf einer Rolltreppe der Buchmesse. Jeder schaut in einen anderen Weg. Recht aussage stark, schon fast ein Symbol für die Kälte unserer Zeit. Gleichzeitig eine Realität, die Sekundenbruchteile später bereits eine völlig andere ist. Genau das richtige Bild, um es Punkt für Punkt auseinander zu nehmen und neu zusammenzusetzen. Mit einer Technik, die 500 Jahre alt ist und einer Produktionszeit von mehreren