Jürgen Christ und der Holzschnitt
von Heinz Paul Schimmelig

Schon als jugendlicher Amateur hat Jürgen Christ über den Sinn der Bilder nachgedacht und mit seinen Fotofreunden diskutiert. Fotografie interessierte ihn so sehr, dass er sie zu seinem Beruf machte. Für ihn gab es ein Geheimnis, das er unbedingt lüften mußte: Warum funktioniert ein Bild so wie es die Wirklichkeit tut. Warum nehmen die Leute Fotos für bare Münze warum sagen alle, sie hätten dies oder jenes -gesehen,obwohl es die Flimmerkiste war, die sie gesehen haben. Bei seinem Job als Kameramann und Fotograf spürte Christ, dass er sich zum Handlanger machte, zum Erfüllungsgehilfen derjenigen, die die Welt mit Illusionen versorgen, er nahm daran teil und das tat er gut. Zumindesten hatte er sein Auskommen und das gelingt in dieser Branche nicht jedem.
Auch wenn er in seinem Fotografenalltag oft seine theoretischen Überlegungen über Foto und Realität beiseite legen mußte; das Problem nagte und rumorte unterschwellig weiter.
Jedes Ereignis, bei dem er zugegen war  und das waren zahlreiche  erinnerte ihn spätestens dann wieder an sein  Geheimnis, wenn er die Schilderungen hernach in der Zeitung oder Fernsehen betrachtete. Das traf sogar für seine  eigenen Beiträge zu. Wie konnte es nur zu einer derartigen Diskrepanz zwischen seinen Erlebnissen und deren Wiedergabe in den Medien kommen, und vor allem: Warum interessiert das kaum jemanden?

Durch das Foto sehen wir die Welt

Tapfer kämpfte sich Jürgen Christ durch jene Fachliteratur, die sich in Schachtelsätzen und gestelzten Formulierungen der Theorie der bildlichen Darstellung annahm. Zum entscheidenden Durchbruch seiner Erkenntnis kam es dabei nicht, doch immer nahm er ein kleines Zipfelchen an Einsichten mit. Und immer wieder schaute er Bilder an und dann sich selbst, was dabei mit ihm geschah. Sah er durch ein Foto die Welt, oder blieb sein Blick im Druckraster des Zeitungsbildes oder auf der Leuchtphosporschicht des Fernsehers hängen. Eines schien klar: Die Einsicht wechselt mit der Wahrnehmung oder war es gar umgekehrt? Metaphern schossen ihm durch den Sinn: Je näher ich einem Bild bin, desto weniger sehe ich..Paradoxien..Ungereimtheiten..Die Probleme wurden unübersehbar, ja unheimlich.

Das Psychologiestudium brachte auch Praktisches

Der Fotograf legte eine Zeit lang seine Linse beiseite und versuchte es mit Wissenschaft. Er nahm ein Universitätsstudium der Psychologie auf und geriet an einen Außenseiter. An Wilhelm Salber, der seine Seelenkunde Morphologie nannte und dessen Vorlesungen sich wie Gottesdienste annahmen: Man geriet in eine Art Trance verstand entweder alles oder nichts. Doch seine 12 Semester brachte Christ daneben viel Praktisches. Er lernte, systematisch zu denken und zu arbeiten. Mit seiner Fotografie war es indes nicht viel weiter gekommen, sie blieb weiter ein Geheimnis.

Das Leben ging weiter, Fotografie, Journalismus  dazu, er begann zu schreiben zunächst Informationen zu den Bildern, später eigenständige Beiträge, doch immer noch hart an der Oberfläche wenn auch mit Erfolg. Sogar als Undercover-Fotograf verdingte sich unser Mann, der „Spiegel“  hielt große Stücke von ihm.

Fotoexperimente aus Ausbruch aus der Alltagsroutine

Zwischendurch immer mal wieder Ausbrüche ins Unkonventionelle. Mal ließ er 70 Paare jeweils nacheinander im Fotostudio mit seiner (automatischen) Kamera       
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