es ist, jedes einzelne Bildelement  sollte einen neuen Stellenwert erhalten, die totale Manipulation schwebte ihm vor. Das Foto nur noch als Material für Neues.

Es ist daher kein Zufall, dass Jürgen Christ in diesem Stadium auf den Holzschnitt traf.

Die äußeren Umstände sind schnell erzählt. Der Fotograf ist seit Jahrzehnten mit den Kätelhöns befreundet, einer Kunstdruckerfamilie aus dem sauerländischen Möhnesee. Martin der Sohn bedient seit über 2o Jahren bildende Künstler in seiner Kölner Werkstatt.  Der zündende Funke sprang über, als Martin Kätelhön eine große Holzschnittarbeit von Markus Lüpertz druckte, scharf beobachtet von Christs Reportagekamera. Holzschnitt war die Lösung, dachte der Lichtbildner, Holzschnitt vom Foto. Perfekter und zugleich offener kann man ein Foto nicht manipulieren. Und vielleicht sieht es hinterher immer noch wie das ursprüngliche Werk aus.

Der erste Versuch drohte auch der letzte zu werden

Das erste Bild, an dem er sich versuchte,  war eine Aufnahme von  Menschen auf einer Rolltreppe der Buchmesse. Jeder schaut in einen anderen Weg. Recht aussage stark, schon fast ein Symbol für die Kälte unserer Zeit. Gleichzeitig eine Realität, die Sekundenbruchteile später bereits  eine völlig andere ist. Genau das richtige Bild, um es Punkt für Punkt auseinander zu nehmen und neu zusammenzusetzen. Mit einer Technik, die 500 Jahre alt ist und einer Produktionszeit von mehreren Monaten, eine gigantische Zeitspanne verglichen mit den 10 Millisekunden für die Herstellung des Fotos. Monate für ein Bild, das kannte der Fotograf nicht. Und auch das Pappelholz wollte ihm zunächst nicht gehorchen, es ließ sich nicht so bearbeiten wie Christ das vorhatte. Er legte also Messer, angespitzte Schraubenzieher und Stechbeitel nach kurzer Zeit wieder weg, um es dann später erneut zu versuchen, genauso vergeblich. Erst als er sich das recht teure Spezialwerkzeug besorgt hatte, ging die Arbeit etwas flotter voran, doch Gefallen fand er daran nicht. Nur um die angefangene Sache zu beenden, quälte er sich wochenlang mit der Holzplatte herum und mehr als einmal schnitt er in seiner Unerfahrenheit daneben. Das sollte sein erster und auch letzter Versuch sein dachte er noch in der Druckwerkstatt, als er Martin Kätelhön seinen  Druckstock in die Presse legte.

Wieder sprang der Funke über

Wenig später sprang erneut ein Funke über. Der Druckermeister zog das noch feuchte Blatt aus seiner Presse und breitete es auf dem Tisch aus. Christ war fassungslos, das war ja sein Foto! Wo war denn da die Manipulation? Sicher die Farbe fehlte und auch das Licht und auch die Gesichter waren etwas grob. Und die Kleider der Leute waren anders und man konnte nicht mehr unterscheiden, ob die Frau sich an den Kopf faßt oder handytelefoniert. -Holzschnittartig eben sagte Martin. Ja das war´s: Ein Holzschnitt ist ein  Foto ist ein Holzschnitt ist ein Foto. Wie ein Vexierbild, man sieht, was man sehen will.
Inzwischen hat sich Christ mit dem neuen Medium arrangiert, arbeitet mit Leuchtlupen, verstellbaren Klemmplatten und schärft seine Schnitzwerkzeuge mit Specksteinen aus Arkansas. Er benötigt inzwischen auch keine Monate mehr für einen Stock, aber immer noch deutlich länger als für eine Aufnahme. Fast 40 Arbeiten haben bereits das Stadium des Andrucks hinter sich und gerade hat er den bislang größten Stock mit den Maßen 80 x 120 cm vollendet. Das Motiv: Stuntfrau Tanja de Wendt springt vom Düsseldorfer Fernsehturm, gesichert nur mit einem millimeterdünnen Drahtseil. Christ hat vor 15 Jahren das Foto gemacht, aus der Perspektive der Todesmutigen mit einem Superweitwinkeobjektiv, das neben der heftig rudernden Springerin das Düsseldorfer Stadtpanorama abbildet. Das Foto, obwohl nur aus Papier, löst in manchem Betrachter Schwindelgefühle aus. Mit Spannung erwartet Jürgen Christ den ersten Andruck. In bewegt in der Hauptsache die Frage. Schauderts den Betrachter auch beim Anblick des Holzschnittes. dann ist der Beweis endgültig erbracht: Der Holzschnitt ist ein Foto.  
Zurück   1   2